Von Annette Hoffmann, Fotos Christian Merz, BaZ 4.5.17

Es gibt Künstler, die zur rechten Zeit kommen und solche, die an den rechten Ort gehen. Wenn Michael Vessas Ausstellung in der Central Station heute eröffnet wird, befindet sich der amerikanische Künstler eindeutig am rechten Ort. Dass er dort jetzt Bücher, Zeichnungen und eine Installation ausstellt, liegt nicht allein an der langen Zusammenarbeit mit dem Initiator der Central Station Klaus Littmann. Mit Franz Burkhardt, der eine autarke Unterstadt gebaut hat, teilt er die Faszination für inszenierte Kunst-Räume und Konstruktionen, die konkret und zugleich illusionär sind.

So wie eben eine gute Zeichnung. Denn Vessa ist vor allem ein Zeichner – ein Zeichner von der Sorte, der immer auch Erfinder ist. Bei manchen von Vessas Papierarbeiten, die er wandfüllend gehängt hat, weiss man kaum, ob man es mit Fiktionen oder Utopien zu tun hat oder mit einem Entwurf, der demnächst patentiert wird. Es dürfte kein Zufall sein, dass Littmann seine Ausstellungstätigkeit in der Central Station der Zeichnung widmet, nach den beiden Projektjahren soll diese Aktivität in einer Publikation gebündelt werden.

Aufgeschnappte Sätze

Vessa verwendet sowohl in seinen Zeichnungen als auch in seinen Installationen Sätze, die er aufgeschnappt hat, sei es aus Zeitungen oder Liedtexten wie den Vers von der Sonne, die hinter jedem bedeckten Himmel scheint. Er steht im Mittelpunkt der eigens für die Central Station geschaffenen Raum­installation. Der handgeschriebene Satz wird von einem Strahler hinter der lichtdurchlässigen Projektionsfläche beleuchtet. Vessa löst diesen Allgemeinplatz in seiner Installation unmittelbar ein. Die Projektionsfläche, die aus einem pergamentähnlichen Material besteht, ist von einem grünlichen Grau, wie es sich häufig in den Zeichnungen oder den Skizzenbüchern des 1948 geborenen Amerikaners findet.

Andererseits wird deutlich, dass sowohl die Sonne als auch der bedeckte Himmel künstlich sind, zudem spielt Vessa in seinen Installationen mit der Illusion von Raum. Wenn man bei seinen Rauminstallationen Volumen vermutet, wird man durch eine perspektivische Malerei verleitet und was man für Beton halten kann, ist oft eine malerische Täuschung. Man merkt diesen Installationen an, dass Vessa auch für die Bühne arbeitet, am Luzerner Theater hat er Bühnen­bilder für die Tanzsparte geschaffen.

Die Sonne, seit der Aufklärung Sinnbild für die Suche nach Wahrheit, wird in Vessas Installation durch einen Scheinwerfer vertreten und bringt eine Art Schattentheater hervor. Bedenkt man, dass man sich in der Central Station einem Bereich bewegt, in dem es ausschliesslich künstliches Licht gibt, führt das zu schönen Denk-Paradoxien. Während die Skizzenbücher des Künstlers ein bunteres Farbspektrum aufzeigen, sind die Zeichnungen, die er in Basel zeigt, von einer fast monochromen Farbigkeit. Unter ihnen sind einige, die mit Bleichmitteln entstanden sind. Streifen und Muster durchziehen das Papier, überall sieht man die Ergebnisse von chemischen Reaktionen.

Handschriftliche Vermerke

Manchmal muss man an Schmauchspuren denken, Vessa selbst vergleicht diese Technik mit dem Entwickeln von Fotos in der Dunkelkammer. Oft sieht man an den Seiten handschriftliche Vermerke. Es sind seine gefundenen Sätze, aber auch Konstruktionsanleitung, sodass einige seiner Zeichnungen sich im Kopf zu Räumen entfalten.

Eine ganze Serie wird durch eine Reihe von Türmen bestimmt. Werden diese, so erläutert eine Zeichnung, von Autoscheinwerfern getroffen, reflektieren sie durch Spiegel das Licht, sodass die ganze Strasse beleuchtet wird. Ein schöner Beitrag gegen Lichtverschmutzung und ein Hinweis darauf, dass hinter jeder Nacht die Sonne scheint.

Michael Vessa, Bücher, Zeichnungen, ­Installation; Central Station, Sternengasse 19, 1. UG. Vernissage: 4. Mai, 18 Uhr. Bis 1. Juli. www.centralstation.me

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